"SPIELEN"

Manche Skulpturen haben keine eindeutig vorgegebene Standfläche, es gibt ganz verschiedene Positionen, die sie einnehmen können. Ebenso verhält es sich mit den Möglichkeiten, wie die einzelnen Arbeiten, zueinander in Beziehung gesetzt werden können. Es ist unbedingt eine Qualität, Dinge erst durch ausprobieren kennenzulernen. Einem Schauspieler ähnlich, bietet eine zunächst unübersichtlich erscheinende Form, verschiedene Seiten, verschiedene Positionen, sich zu präsentieren an.

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Cantabile, Das O von Mond, Sokratischer KörperCantabile, Das O von Mond, Sokratischer Körper - Foto: Oliver Blum

Die Abbildung oben zeigt wie Cantabile und Sokratischer Körper miteinander spielen, sie benutzen das o von Mond als Spielball. Diese Szene war so nie vorgesehen. Sie ergab sich, durch die Beschäftigung mit dem Uneindeutigen der Formen. Das Bild zeigt humorvoll und rührend zugleich, eine Beziehung. Ähnlich wie ein Teil, gefunden am Strand oder auf einem Dachboden, bei dem sich eine Verwendung oder Bedeutung nicht zweifelsfrei feststellen lässt, sind manche Skulpturen gewollt unbestimmt. Unbestimmt in ihrem Stand und unbestimmt darin, was sich eigentlich ändert, wenn man eine andere Ansicht herstellt. Das lässt sich durchaus übertragen. Eine andere Ansicht herstellen bedeutet gleichsam, eine andere Meinung ausprobieren. Der Gegenstand bleibt in sich der Gleiche, aber die Anschauung kann sich verändern. Bewegt man leblose Dinge, bewegt sich das Sehen, bewegt sich das Denken. Doch dieses Anordnen, das Spiel mit den Skulpturen geschieht ja erst, wenn es den einzelnen Gegenstand bereits gibt. Doch zweifellos ist eine Skulptur nicht immer schon da. Wo also ist der Anfang? Ein Anfang geschieht einfach, was verblüffend genug ist. Der Anfang ist nicht mehr als ein Schritt vor die Tür, so ergibt sich die Idee des irgendwohin. Ein guter Anfang ist, wenn man nicht weiß wie es endet. Wie bei einer Reise, einem Buch, einer Liebe. Absolut unmöglich, sich vorzustellen was sein wird. Die einzige Absicht ist, endlich zu beginnen. Die einzige Hoffnung ist, dass etwas Ungeahntes geschieht. So ist das Spiel. Es ist die Unvorhersehbarkeit. Das gilt für Fußballspiele, wie für Pferderennen und es gilt vielleicht noch mehr für Gedichte, Zeichnungen, Skulpturen oder Tänze. Wahr ist auch, Spielen geschieht nicht zufällig, es existiert in Kindern als starker Drang, Erwachsene hingegen müssen es wollen und beginnen. Unvorhersehbarkeit, so könnte man es vielleicht beschreiben, ist ein stark anziehender, etwas animalischer Geruch. Der Geruch der Zukunft, das Odeur der neuen Zeit. Ist der erste Schritt getan, begreift man rasch, welche Sache da geritten wird. Schon der zweite Schritt verlangt eine Entscheidung. Hier liegt womöglich der Grund, warum manche zögern mit jenem ersten Schritt. Er zwingt zu Entscheidungen. Zu Entscheiden ist oft eher Last denn Lust. Wirkliche Spieler sind selbstverständlich ernste Leute. Wer sich mit Halma oder Monopoli zufrieden gibt, vertreibt sich bloß die Zeit, er spielt nicht wirklich. In einem Spiel gibt es ein Risiko, das Risiko zu scheitern, sich lächerlich zu machen, schlecht zu spielen und alles zu verlieren. Wer also spielt, wagt und erlebt etwas. Es ist spannend, es verlangt Konzentration und Mut. Das also sind die Gründe.


SpielSpiel - Foto: Oliver Blum

Standbein, Spielbein, die Balance ist erreicht. Gleich schon geht es weiter, gleich ändert sich etwas. Doch es ändert sich nichts. Die Balance ist gleichsam eingefroren. Das ist die Regel bei leblosen Dingen. Es sind tatsächlich unbewegliche tote Gegenstände. Jeder Bildhauer weiß dies und schätzt dies als Qualität, das Statische ist eine wichtige Eigenschaft. Die Dinge bleiben wo sie sind. Beweglich ist der Geist der betrachtet. Es ist nicht vorwegzunehmen, was die Gedanken diktieren. Man versteht nicht, wie etwas in die Welt gekommen ist und was es jetzt überhaupt soll. Es wird mit Erinnerungen, mit dem was jemand gut zu kennen glaubt, mit Mutmaßungen oder mit einer Überzeugung gespielt. Gleichzeitig ist eine Skulptur unbedeutend, ein harmloses Ding. Ihr Sinn lässt sich letztlich nie eindeutig bestimmen. Eigentlich ärgert es kaum, eine Behauptung aus Material, was sonst noch? Es drängt einen Betrachter, eine Betrachterin zu Erklärungen. Das ist das Spiel der Erkenntnis. Ein schönes würdiges Spiel.



"WERKEN"

Die meisten Menschen haben eine Erinnerung, wann sie begonnen haben mit dem Fotografieren, dem Kochen, Singen oder Kleidernähen. Sie wissen, dass etwas einen Anfang nahm und bestimmend wurde. Ich selbst erinnere mich genau, wie ich ein Kind gewesen, einen Kaninchenstall gebaut habe. Unbeholfen mit einer zu großen Handsäge, gingen meine Sägeschnitte all zu weit weg vom Bleistiftstrich auf dem Brett. Ich ließ trotzdem nicht ab von meinem Plan, zwei übereinanderliegende Kaninchenställe zu bauen. Am Ende hatte ich es geschafft. Der Stall wurde in einem Schuppen aufgestellt und die Kaninchen zogen ein.

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Mein Vater, ein Handwerker und Meister in seinem Fach, sah das recht gerne und war stolz auf die noch ungeschlachten Fähigkeiten seines Sohnes. Einige Jahre später lehrte er mich mit Metall zu arbeiten, zeigte mir verschiedene Techniken und Verfahren und so wurde ich ein Handwerker. Obschon es mir leicht fiel Dinge zu machen, verstand ich mein damaliges Tun vor allem als Arbeit. Mir war nicht bewusst, dass dies nur ein erster Umgang, nur eine Möglichkeit war, mit Material umzugehen. Es war für mich vor allem die Tätigkeit eines Berufes. Etwas das jemand benötigte, wurde möglichst rasch und fehlerfrei hergestellt. Vieles wurde nach technischen Zeichnungen gefertigt, ähnlich wie bei einer Musik die man vom Blatt spielt, allerdings ohne jedwede Freiheit der Interpretation. Mir missfiel diese Unfreiheit. Nichts konnte man einfach anders machen. Das Handwerk befolgt seine Regeln, man produziert Nutzgegenstände. Es sollte der Kunde zufrieden gestellt werden. Mein Vater hatte stets ein kleines Büchlein mit kariertem Papier bei sich, oft das Werbegeschenk eines Lieferanten. Darin notierte er mit wenigen Bleistiftstrichen sowie einigen Zahlen, die Größe von Maueröffnungen, einen Treppenverlauf oder eine bauliche Situation. Er notierte also die Bedingungen für eine Tür, eine Treppe, ein Geländer oder wie eine Konstruktion erstellt werden sollte. Diese kargen Skizzen sollten genügen um etwas zu bauen, dass den Erwartungen der Auftraggeber entsprach. Nicht selten konnte man nach einigen Wochen nur noch ungefähr erahnen, was genau eigentlich ein Strich, ein Maß oder eine Winkelangabe bedeuten sollte. Doch wenigstens war man freier darin, wie die Sache aussehen durfte. Es konnte allerdings passieren, dass sich beim Einbau nicht alles so glatt wie erhofft fügte. Ein nächstes Phänomen, die Abänderung einer Konstruktion, trat dann in Erscheinung. Sie konnte so elegant ausfallen, dass niemandem mehr der ursprüngliche Fehler auffiel. So geschah überzeugende Improvisation, Jazz feinster Art, bei der Abänderung banaler Gegenstände. Obwohl alles an diesen Stahlkonstruktionen so starr und wenig veränderbar schien, stimmte dieser Eindruck nicht zwangsläufig. Sehr vieles konnte, manchmal mit erheblichem Aufwand, in einen anderen Zustand verwandelt werden. Werken bedeutet einwirken. Es machte natürlich absolut Sinn manche Dinge sehr konkret festzulegen, doch erst wenn auch das Gegenteil, die Überwindung der ursprünglichen Vorstellungen geleistet werden konnte, war jemand ein Meister. Eine Skulptur ist eine materielle Manifestation, meistens ohne praktischen Bezug. Die Sache dient allein der Anschauung, nicht der Benutzung. Trotzdem benötigt ein Bildhauer, je nach Wahl des Materials oder künstlerischer Absicht, einiges Geschick im Umgang mit Werkzeugen oder Maschinen. Selbst wenn er andere eine Arbeit fertigen lässt, muss er wissen, was mit einem Material möglich ist und wie dies erreicht werden kann. Wann verlässt man das Werken? Mit der Bildhauerei verlässt man das Werken. Man macht dabei etwas ohne Auftrag, ohne einen Gedanken an das Nützliche, und probiert Gebilde, Varianten von Gegenständen aus, deren Bedeutungen unklar sind. Im besten Fall baut man etwas das auf einen selbst oder andere, wie ein Rätsel, wie eine Frage zurückblickt. Und was macht solche Gegenstände, Skulpturen, Plastiken zu einer gelungenen Sache? Es ist abhängig von Absichten und Personen, doch indem man ein scheinbar sinnloses Ding produziert, begreift man sehr viel, womöglich zuerst, wie wenig Gewissheit es bei künstlerischer Arbeit gibt.



"ICH WILL EINE RUNDE SACHE"

Im Gespräch mit Axel Kreiser, anlässlich der Ausstellung in der Galerie #23 Langenberg im August 2019

Alle Deine Skulpturen sind aus Abschnitten von Stahlrohren gemacht. Warum, was ist Dir dabei wichtig?

Als ich anfing, Rohre in Segmente zu unterteilen und aufzuschneiden, war ich mir keineswegs sicher, ob dieses Neuzusammensetzen unterschiedlicher Teile, sich nicht schnell erschöpfen würde. Ich wusste nicht, ob die falsch zusammengeklebten Puzzelteile, überhaupt ein interessantes Bild ergeben würden. Jede noch so kleine Fläche eines solchen Rohrstückes ist, je nachdem wie man es betrachtet, nach innen oder nach außen gewölbt. Eine sehr banale Sache eigentlich, aber ich erinnerte mich an eine Aussage Rodins, wonach jede Skulptur eine Abfolge konkaver und konvexer Formen sei.

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Rodin konnte sich Ende des 19 Jahrhunderts nicht vorstellen, dass ein Würfel bereits eine vollwertige Skulptur sein könnte. Ich mochte den Minimalismus immer sehr, aber er erlaubte einfach keine komplexen Formen. Aber komplexe Formen interessierten mich. Mit den Rohren hatte ich einen Weg gefunden, mit einfachen Mitteln Formen zu entwickeln, die mich überraschten.

Wenn Du von Formen sprichst, meinst Du in erster Linie abstrakte Formen?

Ja, oft. Aber ich glaube wir wissen nicht, was abstrakte Formen sind. Eigentlich wissen wir nur was konkrete geometrische Formen sind, also Quader, Zylinder, Kugel. Sonst sprechen wir in Bezügen: Tropfenform, Zapfenform, Pilzform, Kristallform usw. sehr schnell werden Formen unübersichtlich. Wenn eine Kugel etwas gedrückt so eine Art Ei wird, können wir das nur noch schlecht beschreiben. Vielleicht würde man von einer amorphen Form sprechen und spätestens damit feststellen, dass einem die Begriffe endgültig fehlen. Es gibt mehr Formen als Begriffe, mehr seltsame Dinge als Verständnis dafür.

Heißt das, dass Du an einem eigenen Formenvokabular arbeitest?

Nein, eher nicht. Die Rohrstücke sind auch eine Art Einschränkung. Sie bleiben irgendwie verwandt, bleiben in einem bestimmten Sound. Mir gefällt, dass es bei "Tintinnabulum" eine Symmetrie gibt, sogar der Gegenstand einer Glocke ablesbar ist und bei "Spiel" dann, an einer bestimmten Stelle, dieses rippenartige wieder auftaucht. Trotzdem sind diese beiden Sachen als Formen ziemlich weit voneinander entfernt.

Gut, Du machst symmetrische und asymmetrische Formen, das unterhält Dich. Warum ist das gerade heute wichtig?

(lacht) Ja, es unterhält mich. Das ist, finde ich, ein legitimer, wichtiger Grund. Nein, mein Gefühl ist, dass solche Arbeiten im Moment niemandem wirklich wichtig scheinen. Es gibt viel Kunst die Konzepte verfolgt oder komplette Räume gestaltet. Eine kleine Form auf einem Sockel, das ist ziemlich oldschool. Ich persönlich aber glaube an eine Aufladung von Material. Wenn jeder Quadratmillimeter wieder und wieder bearbeitet wurde, gibt es zwei mögliche Ergebnisse. Entweder eine Sache ist endgültig todgeküsst oder sie wurde wirklich in eine neue Bedeutung transformiert. Mir jedenfalls, ist beides schon passiert.

Richtig verstehe ich das noch nicht. Gelungene Formen sind für dich also solche, die eine konkrete Bedeutung haben?

Das ist tatsächlich schwierig. Für die allermeisten Menschen meint Bildhauerei, die Bronzefigur auf einem Sockel im Park. Sie stellen sich die Frage nach dem Raum, wenn sie sich einen Parkplatz suchen. Sie stellen sich die Frage nach dem Material, wenn sie eine für die Haut angenehme Unterhose kaufen und sie stellen sich die Frage nach der Form, wenn sie als Paar, über ein Sofa diskutieren. Für mich als Bildhauer, ist Raum, Material, Form jedoch dann am interessantesten, wenn es darum geht eine poetische Qualität zu erreichen. Bei einem Gedicht entsteht aus fünfundzwanzig Wörtern, die gewöhnlich jeder kennt, durch die richtige Setzung eine Gedankenfolge, welche viel weiter trägt, als man es gemeinhin fünfundzwanzig Wörtern zubilligen würde. Das ist es, was ich mit einer Form suche. Fünfundzwanzig Rohrstücke so zu versammeln, dass ein Betrachter betrachtet und sich einer Ahnung hingibt.

Es gibt diese Arbeit "Was bisher geschah" bei der ein Text untergelegt wurde, was hat es damit auf sich?

Damit habe ich schon früher experimentiert. Bei "Was bisher geschah" ergab es sich, als ich die Farbe der Stelenform durch Anlassfarben bestimmen wollte, dass ich plötzlich so einen Bronzeton vor mir hatte, wie man ihn von Laternen oder Sarggriffen aus dem Schaufenster des Beerdigungsinstituts kennt. Dann ergab sich dieser innere Monolog und die Präsentation mit dem Nachttischchen, irgendwie fast von alleine. Wenn man Figuration nicht ausschließlich als Abbild des Menschen versteht, sondern den Bezug zum Menschlichen der Figuration hinzuzählte, wäre dies sozusagen eine figurative Arbeit. Doch ich bestehe nicht darauf. Ich will nur verdeutlichen, dass die Beschreibung, "macht abstrakte Formen" nicht genügt. Es gab viele formale Gesetzmäßigkeiten, zum Beispiel dass in der Bildhauerei nur der Gegenstand zählt. Das hat sich aufgelöst, heute ist es möglich, dass ein literarischer Text Teil eines Kunstwerks ist. Oder wie Du so schön bemerktest, es unterhält mich. Wenn ich eine Geschichte bekomme, erzähle ich sie.

Das gilt auch für die Titel, wenn ich es richtig verstehe, oder?

Mit Titeln kann man viel falsch machen. Man legt eine Fährte.

Eine Fährte, die zur Bedeutung führt?

Man kann nicht und sollte nicht, den Leuten das Schauen und Bedenken abnehmen. Jedes Kunstwerk ist ja nur ein unverbindliches Angebot, da gibt es nichts einzuklagen, auch keine Bedeutungen. Wenn ich etwas herausgebe aus dem Atelier, glaube ich, dass eine Skulptur genügend Qualitäten aufweist, mit denen zu beschäftigen sich lohnt. Ich will eine runde Sache vorlegen.

Eine runde Sache, die manchmal schroff daher kommt.

Eine überzeugende Sache, weil eine Haltung deutlich wird.

So ist es. Vielen Dank.